Der Neuanfang nach dem 2. Weltkrieg

Am 1. März 1946 nahm die Fa. Otterbein wieder in den Räumen in der Kasinostraße 24 ihre Tätigkeit auf. Die Hobelbänke waren noch da, aber das gesamte Werkzeug und Material war gestohlen. Wieder begann ein dorniger Weg. Mit Hilfe des ehemaligen Altgesellen und einiger alter Kunden und vor allen Dingen mit dem Großkunden Rheinisch Westfälische Bank (vormals Deutsche Bank) gelang ein guter Start.

Am 1. April 1946 wurde der erste Lehrling eingestellt. Heinz Götte erhielt im 1. Lehrjahr eine Erziehungsbeihilfe von 25,- Reichsmark, im 2. Lehrjahr 35,- Reichsmark und im 3. Lehrjahr 45,- Reichsmark. Am 16. 7. 1946 wurde ein ehemaliger Geselle aus der Vorkriegszeit. Herr Schütz, wieder eingestellt. Der Bruttolohn betrug per Tag, bei einer Arbeitszeit von 48 Stunden an 6 Tagen in der Woche, 8 Reichsmark. Der Altgeselle Herr Gerstung und ein Polierer, Herr Dehahne arbeiteten seit dem 20.7.1946 wieder in der Fa. Otterbein.

Eine kleine Begebenheit, die ich Hermann Otterbein jun. als neunjähriger Junge miterlebt habe:

1946 war eine denkbar schlechte Zeit. Es gab kaum etwas zu essen, meine Eltern hungerten. Mein Vater lehnte jegliche Schiebergeschäfte ab. Zu meinem Vater kam ein solcher Schieber und wollte ihm einen wunderschönen handgearbeiteten Nähkasten für drei Pfund Butter abkaufen. Mein Vater rechnete und kam zu dem Ergebnis, dass drei Pfund Butter nur 3,60 Reichsmark kosten würden, er aber an dem Nähkasten 20 Stunden gearbeitet habe. Der Schieber sagte „In welcher Welt leben sie". Die Antwort meines Vaters lautete: „in der Richtigen" und zertrümmerte auf der Hobelbankecke den Nähkasten. Der Schieber verließ fluchtartig die Werkstatt.

Die Auftragslage war sehr gut. Schwierigkeiten bereitete der Materialeinkauf. Beschläge gab es nur gegen Eisenscheine, Holz nur gegen Holzscheite. Diese Scheine bekam man nur, wenn man für das „Amt für Wiederaufbau" arbeitete. Der Großkunde Rheinisch Westfälische Bank, der immer zwei unserer Gesellen beschäftigte, hatte gute Verbindungen zur Cronenberger Kleineisenindustrie. Mancher Beschlag und manches Werkzeug kam so, an den Zuteilungen vorbei, in den Besitz der Firma. 1947 war die Belegschaft auf drei Gesellen und zwei Lehrlingen angewachsen.

Am 20. 6. 1948 kam die lang ersehnte Währungsreform. Jeder deutsche Staatsbürger erhielt ein Kopfgeld von 40,- Deutsche Mark und Unternehmen für jeden Beschäftigten 60,- DM.

Vor der Währungsreform erhielt die Fa. Otterbein von der Rheinisch Westfälischen Bank den Auftrag zehn Fernschreibergehäuse zu bauen mit der Maßgabe, dass die Bezahlung in „gutem Geld", in DM vorgenommen wird. Zwei Tage nach der Währungsreform bezahlte die RWB, die jetzt wieder Deutsche Bank hieß, den Betrag von DM 4800,- , ein für die damalige Zeit Riesenvermögen. Von da an ging es der Fa.Otterbein immer besser. Im Oktober wurde ein weiterer Lehrling eingestellt. Die Werkstatt in der Kasinostr. 24 wurde langsam zu klein.

Zur Lohnsituation: Ein Geselle verdiente bei 48 Stunden wöchentlich DM 60,96. Davon wurden Lohnsteuer DM 3,46 und Sozialversicherungsbeiträge DM 6,33 einbehalten, so dass eine Nettoauszahlung von DM 51,17 blieb. Der Bruttostundenlohnbetrug DM 1,27. Für Kunden lag der Verrechnungssatz für den Facharbeiter bei DM 2,60 und der eines Lehrlings bei DM 0,75.

An einem Sonntagmorgen im Jahre 1950 schellte es bei uns in der Wohnung Moritzstraße 4. Ein kleine ältere Dame stand an der Haustüre:

„Kennen sie mich noch? Ich bin Frau Stern, aus der Sadowastraße. Sie haben im Jahre 1938 für uns die Möbel auseinandergenommen und verpackt. Am Steinbecker Güterbahnhof steht nun die Kiste, würden sie die Möbel für mich wieder zusammenbauen?"

Die Familie Stern hat die Kiste in den USA nie geöffnet. Sie wollten wieder zurück nach Deutschland. Herr Stern verstarb 1945 in den USA.

Am 28. März 1951 kaufte Hermann Otterbein das Inventar der in Konkurs gegangenen Schreinerei Peter Wendung in Wuppertal-Elberfeld Friedrichstraße 2, zum Preise von DM 2.000,- auf. Die Räume wurden angemietet. Der Umzug von der Kasinostraße zur Friedrichstraße wurde dringend notwendig. Man platzte aus allen Nähten. Die Kasinostraße wurde als Zweitwerkstatt gehalten, da sie direkt neben dem Kunden Deutsche Bank lag.

Eine kleine Begebenheit, die ich, Hermann Otterbein jun., als vierzehnjähriger Junge erlebte:

Die Firma besaß kein Auto oder Lieferfahrzeug. Die Gesellen fuhren mit dem Fahrrad zur Kundschaft. Größere Werkstücke wurden von Kleinspediteuren ausgeliefert. Wir hatten nun einen zweitürigen, zerlegbaren Kleiderschrank nach Wuppertal Vohwinkel zu liefern. Der Spediteur war belegt, der Kunde drängte. Man schnürte in der Werkstatt vier Pakete:

    • Paket 1) Schranksockel mit zwei Einlege­böden,
    • Paket 2) Schrankkappe mit zwei Einlegeböden,
    • Paket 3) Schranktüren mit Schrankrückwänden und
    • Paket 4) Schrankseiten mit der Mittelseite.

Nun begab man sich, 1 Geselle, 2 Lehrlinge und meine Wenigkeit zum Schwebebahnhof Döppersberg. Mit dem ersten Zug fuhren 2 Mann, einer im Vorderwagen, einer im Anhänger und mit dem nächsten Zug nach 7 Minuten folgten die zwei letzten Auslieferer. So kam der Schrank noch rechtzeitig zum Kunden.

Am Jahresende 1951 kaufte die Firma Otterbein ein Auto, ein DKW Kleinbus. Mit diesem Fahrzeug war man etwas unabhängiger von unseren Kleinspediteuren. Die Belegschaft war nun auf fünf Gesellen, einem Beizer und Polierer und drei Lehrlingen angewachsen. Ein Facharbeiter über 22 Jahren verdiente, bei 48 Wochenstunden DM 1,45 und unter 22 Jahren DM 1,31 per Stunde. Die Lehrlingsvergütung betrug DM 30,- ,40,- ,52,- in den drei Lehrjahren. Im 1. und 2. Beschäftigungsjahr stand den Gesellen 12 Werktage Urlaub zu. Im 3. bis 5. Beschäftigungsjahr 13 Werktage, im 5. bis 9. Beschäftigungsjahr 14 Werktage und im 10. und folgenden Beschäftigungsjahren 15 Werktage. Der Stundenverrechnungssatz für eine Facharbeiterstunde betrug DM 2,60 bis DM 2,80. Der Spediteur berechnete für eine Stunde mit Fahrzeug und Fahrer DM 5,40. Ein Kubikmeter Eichenholz-Stamm kostete DM 545,-. Buchenholz dagegen nur DM 330,-, Nussbaumholz DM 600,-, 1 Kilo Drahtstifte DM 0,85 bis 1,25. Bei Kalkulationen rechnete man über den Daumen mit einem Drittel Lohn und zwei Dritteln Material.

Die Auftragslage war recht gut. Es bestand ein ungeheuerlicher Nachholbedarf. Die Wohnungsnot wurde durch die große Bautätigkeit gemildert. Man kaufte Antiquitäten oder ließ solche restaurieren. Auf dem Gebiet des Innenausbaus war die Fa. Otterbein auch tätig. Zu große Aufträge wurden in Zusammenarbeit mit den Tischlereien Hanisch, Kirch, Wehmeier oder Kann erledigt. Kundenberatung, Planung und die Montage wurde dabei von uns übernommen. Es ging bergauf.

Im Jahre 1952 begann Hermann Otterbein jun. seine Lehre als Tischler bei der Fa. Lammert in der Felsenstraße in Wuppertal Elberfeld. Die Fa. Lammert stellte neue Möbel für die Architekten Gebrüder Becher her. Für die Stadt Wuppertal wurden Bautischlerarbeiten ausgeführt.

Mit steigendem Wohlstand stiegen auch die Löhne. Der Facharbeiter verdiente DM 1,65 bei 48 Wochenstunden, ges. DM 79,20. An Lohnsteuer wurden einbehalten: DM 6,43 und für die Sozialversicherung DM 7,40, so dass insgesamt DM 13,83 Abzüge einbehalten wurden. Das sind nicht ganz 11%. Eisenwaren waren nun ohne Bezugsschein zu bekommen. Schrauben wurden per Gros verkauft. 1 Gros sind 144 Stück. 1 Gros Schrauben in Messing 2,4 x 17 kostete DM 0,98, 1 Gros Schrauben in Eisen 4,5 x 35 kostete DM 1,63. Lindenholz per Kubikmeter DM 230,-. Die Lohnstunde eines Facharbeiters berechnete man mit DM 3,45, die eines Lehrlings mit DM 0,75.

1954 kaufte Hermann Otterbein ein Wohnhaus im Gelpetal. Dieses Haus, ein Fachwerkhaus, wurde mit eigenen Leuten aufgebaut. Ein Zimmermann wurde als Betriebshandwerker eingestellt.

Die Belegschaft war auf 7 Gesellen und 3 Lehrlingen angewachsen. Die Auftragslage war mehr als gut. Lieferzeiten bei Restaurierungsarbeiten lagen etwa bei 6 Monaten. Ein zweiflügeliges Garagentor in massivem Eichenholz kostete fertig montiert DM 1.200,—.

Im Jahre 1955 beendete Hermann Otterbein jun. seine Tischlerlehre und begann seine Tätigkeit als Geselle im elterlichen Betrieb. Von 1955 bis 1960 stiegen die Löhne für Tischler erheblich. Im Jahr 1960 lag der Stundenverrechnungssatz bei DM 6,50. Ein Einbauschrank mit 8 großen und 8 kleinen Türen kostete DM 2.600,-. Im gleichen Jahr wurde unsere erste Praktikantin, Frau Gisela Vits eingestellt. Das war nicht so ganz einfach, da sich in unserem Betrieb keine Damentoilette befand. Das Praktikum dauerte ein Jahr. Die Belegschaft der Fa. Otterbein im Jahre 1960: 5 Gesellen, 2 Lehrlinge, 1 Praktikantin.

Eine ganz interessante Tabelle der Oberfinanzdirektion Düsseldorf für das Jahr 1959-60. Demnach lagen für Tischler die Rohgewinne bei

  1. Alleinmeister bei 65%, der Reingewinn 43 %,
  2. bei Meister mit 1-2 Gesellen bei 40 % und der Reingewinn bei 25 % ,
  3. bei mehr als 4 Gesellen Rohgewinn 37 % und der Reingewinn 15 %.

Dies sind Vergleichszahlen, die bei Steuerprüfungen herangezogen wurden. Die Arbeitszeit wurde auf 45 Stunden verkürzt, natürlich bei vollem Lohnausgleich.

1959-1961 besuchte Hermann Otterbein jun. die Werkkunstschule in Trier und legte am 24. Februar 1961 die Meisterprüfung ab. Ab dem 1. März 1961 arbeitete Hermann Otterbein jun. als Meister im elterlichen Betrieb.

Mit einer weiteren Verkürzung der Arbeitszeit im Jahre 1964 auf 42 Stunden stiegen natürlich die Lohnkosten erheblich. Der Stundenverrechnungssatz lag bei DM 9,80,-. Die Auftragslage war noch sehr gut. Die Fa. Otterbein arbeitete in der Laurentiuskirche und restaurierte das Chorgestühl.

Im Jahre 1965 stieg der Ecklohn für Tischlergesellen auf DM 4,05, das entsprach einem Monatslohn von Brutto DM 737,10. Ein Meisterlohn lag bei Brutto DM 826,-. Die Erziehungsbeihilfe für Lehrlinge stieg auf DM 60,-, 75,- , 95,-. Die Sozialversicherungsbeiträge, Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung betrugen 25,5% der Bruttolohnsumme.